"Pillow Lips"
Mein Dinner mit Gus Van Sant und Mike Pitt
Von J.T. LeRoy

Wir hatten um 17:30 eine Reservierung in einem exklusiven Restaurant. Charles Nob Hill. Wir waren zusammen angekommen und betraten eine prachtvolle Lobby, wo wir vom Personal, wovon alle wie Models aus der Vanity Fair aussehen, begrüßt wurden. Das Personal aus jungen Männer und Frauen ist in Business-Anzügen gekleidet. Aufgeregt lächeln sie Gus an, der relativ lässig angezogen ist. Sie sagen ihm, wie begeistert sie sind, ihn dort zu haben, aber als sie den Rest seiner Gesellschaft erblicken, rutscht ihr Lächeln herunter wie Pullover von Aufhängern auf den Boden.
Als sie unsere Mäntel nehmen, kann ich spüren, wie sie Bestandsaufnahme machen: Mike’s Jacke ist ein alter Mantel aus den 70ern, zerfetzt wie die Glieder, die in Fargo in den Holz-Häcksler gefallen sind. Mike Pitt sieht nicht aus, wie der Film-/ TV-Star, zu dem er schnell wird. Unter seinem Mantel trägt er ein gestreiftes T-Shirt, das sein Charakter Tommy Gnosis getragen hat in der Filmversion von "Hedwig And The Angry Inch", die gerade Auszeichnungen beim Sundance gewonnen hat. Sein T-Shirt hängt in Rasierklingenrissen an ihm und hat praktisch keinen Rücken. Ich sehe wie das Punk Playmate des Monats aus in meiner grauen Cordhose, bunten flachen Sneakers, zwei überlagerten T-Shirts, orange gefärbter Brille. Meine langen Tagesleuchtenden blauen Haaren sind in Jackie-O-Haarband-Style zurückgebunden mit einem pinken Dolce & Gabbana Schal mit bunten Schmetterlingen drauf, den Gus Van Sant mir zu Weihnachten geschenkt hat. Meine Mitbewohner Speedie und Astor sind mit uns zusammen. Wenigstens haben sie sich fein gemacht.
Der Gastherr setzt uns an einen großen runden Tisch, der in dem kleinen Speisesaal heraus sticht. Wie bei anderen vornehmen Orten, an denen ich gewesen bin, hat dieser Ort eine Lebhaftigkeit von einem Leichenschauhaus mit seinem dunklen Holz und den förmlichen Gemälden. Wir vergleichen es mit der Schule, in der Gus "Forrester – Gefunden" gedreht hat (wo Mike Pitt einen Part hatte). Vermögende ältere Leute sitzen am Tisch hinter Mike. Ich fange ihre entsetzen Ausdrücke auf, als sie an unseren Tisch schauen und wir können sie in hochnäsigen gedämpften Tönen murmeln hören: "Seht euch das Shirt an!" Mike nimmt keine Notiz davon, wie ein Straßenkind die Kommentare von Privatschülern nicht hört, wenn sie über seine hingelümmelten Beine schreiten. Gus bestellt einen australischen 85 $ Wein und einen Martini. Nachdem der Wein eingeschenkt wurde, schnuppert Mike am Bukett und kippt ihn in sich hinein, während ein älterer Gentleman ihm gegenüber ihn beobachtet und sich in feuchter Begierde die Lippen leckt, gefesselt von Mikes jungenhafter Schönheit. Ich hab einen Pink-Cosmo.
Plötzlich umring das Personal unseren Tisch, eine Person hinter jedem von uns positioniert. Ich krieg Panik: Jetzt werden sie uns rausschmeißen. Mike hat mir gesagt, dass er, als er beim Cast von "Dawson’s Creek" war, er stets darauf gewartet hat, dass sie ihn feuern würden und ihm sagen würden, dass er nicht dahin gehörte. Obwohl sie nichts von seiner Vergangenheit auf der Straße gewusst haben, war er sicher, dass sie ihn jeden Moment dorthin zurück schicken würden.
Das Bedingungspersonal atmet kollektiv auf und setzt schwere Gold-Löffel vor uns für Aperitifs, eine Platte mit einer -großzügig mit Kaviar dekorierten- Auster. Die Oberkellnerin gibt uns prahlerisch die Herkunft der Austern preis. Mike, nicht darauf wartend, dass sie damit durch ist, beißt in eine hinein, sein Gesicht zerknittert sich in Falten. "Das schmeckt wie Rotz!", sagt er laut. Ich beiß in meine und so ist es, und als das Personal flieht, würge ich in meine Serviette.
Gus tadelt Mike neckisch, so was nicht zu sagen. Während ich meinen Kopf gesenkt halte, mich wie ‚poor white trash’ im Countryclub fühle, wird Mike sich des Glotzens –verurteilend und anerkennend gleichermaßen- um uns bewusst. Ich habe Ehrfurcht vor Mikes Art sich zu bewegen. Überzeugt und fließend wie ein Junge auf dem Spielfeld, der weiß, dass er der Herr über das Spiel ist, und somit Spezial-Rechte hat. Gus sitzt am Rand, sich der Kommentare bewusst, ein Opfer von dem Nichtvorhandensein von Anstand seines Gastes, und doch gleichzeitig unterhalten.
Zum ersten Mal habe ich von Mike Pitt gehört von Scott Macaulay (Produzent und Herausgeber des Magazins Filmmaker). Ich schwitzte darum, dass Scott mein Buch "Sarah" an Gus Van Sant leitete. Ich hatte eine Hollywood-Agentin, die versucht hat, mich dazu zu bringen, ihr die Rechte für mein Buch zu überschreiben, damit sie es an wen auch immer verkaufen konnte. Aber mein Traum-Regisseur war Gus van Sant. Meine Agentin hatte es zu seinem Büro geschickt und eine Ablehnung zurückbekommen. Aber das eine, was meine Mutter mit beigebracht hat, ist, dass ein Nein auch ein Vielleicht bedeuten kann. Meine Chance kam bald. Als ich John Walters für Filmmaker interviewte, erzählte mir Scott, dass Van Sant Pitt fotografierte, diesen heißen Schauspieler, der wie ein junger Leonardo DiCaprio aussah. Ich wollte Gus’ Aufmerksamkeit ebenfalls und war eifersüchtig auf jeden anderen, der diese ergattern könnte.
Naja, wie bei einem kitschigen "Traum wird wahr"-TV-Film, gaben Leute, die ich kannte und sogar Leute, die ich nicht kannte, Gus mein Buch und wir wurden endlich gute Freunde. Er wollte "Sarah" zu seinem nächsten Film machen und mich unter seine Fittiche nehmen für ein Paar andere Projekte.
Aber da war immer noch Mike Pitt. Gus und er hatten kein Verhältnis miteinander, aber sie hingen viel zusammen rum. Ich weiß wie das auf der Straße ist, wenn der alte Junge den neuen Jungen loswerden will. Gus gab Mike "Sarah". Ich wartete darauf zu hören, wie Mike mich dissen würde. "Du musst diesen Film machen!", drängte Mike ihn, sagte Gus. Dieses zu hören, änderte die Regeln. Dies ist nicht die Straße, und Mike versucht nicht, die neue Schlampe zu verscheuchen, und Gus ist sicher kein Zuhälter.
Also wir trinken und essen von einem außerordentlich schmackhaften Menü. Obwohl die Teller vorher bereit gestellt werden, sodass man denkt, sie hätten sie fertig, lassen sie uns etwa 20 Minuten auf jeden kleinen köstlichen Geschmack warten. In der Zwischenzeit unterhalten wir uns über Filme wie "Hedwig", Mike’s anderen Film "Bully" von Kids-Regisseur Larry Clark, und "My Own Private Idaho", und darüber wie bemerkenswert River Phoenix war. Ich bin erschrocken darüber, in die pikanten Kleinigkeiten der Insider-Hollywood-Gerüchteküche eingeweiht zu werden.
Mike bewegt sich ununterbrochen in seinem Stuhl, spielerisch aggressiv, wie ein Hund, der an einem engen Kragen zerrt. Gus und ich sitzen still, während Mike sich vorlehnt und mit verführerisch befehlsmäßigem Ton spricht. Wir kamen in den Dienst des Brot-Kellners, der in seinem soldatischen Verhalten fragt, ob wir gern Brot hätten. Wenn wir ihm ein Auktions-Bieter-Nicken bedeuten, fährt er seine silberne Zange herab und stattet unsere Brot-Teller elegant mit einer Scheibe aus. Auf einer seiner Trips, nachdem eine Flasche Wein geleert und eine zweite in Arbeit war, macht er die Runde. Als er Mike erreicht, sagt der "Yeah", schaut zurück und als würde er Brustschwimmen, greift er mit der Hand in den Behälter und zieht sich flink sein eigenes Brot. Der Brot-Assistent ist so entsetzt über Mikes Etikettenbruch, dass Gus sagt, er glaube, der Mann wird in Ohnmacht fallen. Ich lache so heftig, dass ich Wein aus meiner Nase sprühe.
Für den Rest des Abends kommt der Brotmann nicht mehr wieder. Wenn wir nach Brot verlangen, serviert uns ein anderer Mann, bleibt dabei aber etwas auf Abstand, als schmeiße er Futter in einen Löwenkäfig.
Nach mehr Warten bringen sie uns eine beeindruckende Kombination aus Kunst und kulinarischer Kunst. Aber die ist zu klein, und wir sind zu hungrig. Speedie fordert Mike in ihrem dicken Cockney-Akzent heraus, seinen Teller abzulecken. –Eine Herausforderung, die er vergnügt annimmt. Gus lässt humorvoll seinen Kopf hängen. Mike lächelt mich schelmisch an. Ich fühle mein Gesicht aufglühen.
Früher an dem Abend, als wir Mike und Gus abgeholt haben, saß ich hinten im Auto neben Mike. Gus und Mike gaben mir jeder ein Geschenk. Gus schenkte mir ein hübsch eingepacktes Buch. Mike gab mir ein in Zeitungspapier verpacktes Bündel. Es enthielt eine sexy kleines weißes Baby-Doll mit grünen Biesen und passenden Höschen, eine Ehren-Flasche Gin in Bar-Größe und eine einzelne zerquetschte rote Rose. Ich schenkte Mike eine schottische Halskette, genannt Glasgow Rose. Und Gus schenkte ich "Fairy Stones" , die in meinem nächsten Buch auftauchen. "The Heart Is Deceitful Above All Things" [" Es ist das Herz ein trotzig Ding ”; deutscher Buchtitel lautet allerdings: Jeremiah]. Mike küsste mich zum Dank; seine Lippen waren weich wie klischeehaft überfüllte Kissen. Wir fuhren sie durch San Francisco (Mike war nie dort gewesen). Wir fuhren auf die Spitze der Twin Peaks. Aber alles, an was ich denken konnte, waren unsere sich berührenden Schenkel, und er, der mich den ganzen Weg zum Restaurant ansah.
Ich flüchte auf die Damentoilette und lege glänzenden kastanienbraunen Lippenstift auf. Als ich zurückkomme, erwähnt jeder, wie hübsch ich aussehe. Ich kann nur runter sehen, nachdem ich auffange, wie Mike mich anstarrt mit seinem blauäugigen toten Starren und ich fühle mich wie das Innere eines Gummibären. Ich bin entnervt und verschütte meine Hummercreme-Suppe und schreie vor Überraschung auf. Beim Versuch, die Schüssel wieder richtig hinzustellen, kippe ich Gus fast mit seinem Wein voll. Personal umringt mich mit langen weißen Servietten. Ich schnappe auf, wie eine Frau mit einem kunstvollen Dutt, der so eng zurück gebunden ist, dass ihre Augen eine leicht asiatische Form haben, "Tss"-st. Wieder werde ich daran erinnert, dass ich ein Eindringling bin. Gus gibt mir ein warmes beruhigendes Lächeln. Er ist die Brücke zu dieser Welt und der Besänftiger, wenn Suppe verschüttet wird und teures Leinen verschmutzt.
Mike flieht nach draußen zum Rauchen und ich folge. Als wir rausgehen, schnappt er sich eine der reizenden Porzellan-Kerzen an der Empfangsstation um sich Feuer zu geben. Das dort stationierte Personal schnauft und macht einen Satz zur Kerze. "Es ist cool, nur zum anzünden, Mann", versichert Mike ihnen wie James Dean mit der angezündeten Zigarette von seiner bauschigen Unterlippe herunterhängend.
Wir rennen lachend raus, fühlen uns befreit im Wind, in der kalten Freiheit im Freien. Auf der Straße. Ich hatte Mike einen Waschbär Penisknochen (der Talisman, der in "Sarah" bekanntlich vorkommt) geschickt und Gus hat Bilder von ihm gemacht, wie er damit posiert für meine Website (www.jtleroy.com). Mike und ich waren über viele Konferenzschaltungen mit Gus verbunden gewesen, oder auch nur ich und er, und haben geplaudert. Ich war nervös gewesen, Mike zu treffen, aber er kannte mich aus unseren Gesprächen. In der Nacht bevor wir uns trafen, sagte er zu mir in seinem derben New York- New Jersey Akzent, wie in The Sopranos, der, wenn man ihn in seinen beschützenden Tönen gebraucht, wie der sicherste Platz der Welt, an dem man existieren kann, wirkt: "Mach dir keine Sorgen, ich weiß, dass du delikat bist, ich weiß."
Wir stehen an den Büschen, wo er mir mit seiner meine Zigarette anzündet. Es ist frisch, also rutschen wir näher aneinander. Speedie kommt raus, um uns Gesellschaft zu leisten. Sie trägt Gus’ Kamera bei sich und bittet uns, zusammenzurutschen. Mike legt seinen Arm um mich und hält mich darin fest. Sie sagt Mike, er soll mich küssen, sodass sie davon Fotos machen kann. Mike lehnt sich rüber, seine Lippen ein Schwindel erregender Mix aus Rauch und Wein. Er küsst mich sanft und zärtlich. Danach kann ich keinen Augenkontakt machen. "Bist okay?" Er lehnt sich zu mir, als wir zurückgehen. Ich nicke klein. Er schubst mich neckisch und wir taumeln die Stufen hoch, die letzten Züge schnappend unter dem missbilligenden Schuldirektor-Blick des Hüters der Restaurant-Brücke.
Nach vier Stunden ist das Mahl endlich vorbei. Mike verkündet, dass er Burritos haben will. Aber alle anderen sagen, sie sind satt. Gus bekommt die Rechnung, und es macht 940 $ mit dem Trinkgeld. Jeder außer Gus schnappt nach Luft. Mike sieht die schöne Kerze, nach der ich unbewusst gegriffen hab. Speedie haut meine Hand davon weg, wissend, wie sehr Feuer, Dinge die brennen, mich in ihren Bann reißen, bis sie sie schließlich löscht. Mike hält meinen Blick und wie nur jemand mit viel Übung es kann, lässt er die Kerze in seinem Ärmel verschwinden. "Gus hat die auch gekauft. 940 Dollar! Mann, wir hätten Burritos essen sollen!"
Wir gehen, überschüttet mit Dank vom Personal, das unsere Mäntel in ihrer jeweiligen Pracht für uns bereithielt. Auf der Straße suchte Mike in seinen Taschen nach Zigaretten. Als er merkt, dass er keine hat, ruft er zwei junge Dotcom-mäßige Typen, die hinter uns gehen, zu: "Yo, habt ihr ne Zigarette?" Er fragt mit dem Recht von jemandem, der auf der Straße war und weiß, dass bestimmtes persönliches Eigentum gemeindlich ist.
Sie halten an und geben ihm widerwillig eine. "Habt ihr Feuer?" Sie antworten nicht. Sie sind die Typen, die nie für einen Bettler anhalten würden und hier geben sie jemandem was, der nicht vor lauter Dank vor ihnen auf die Knie fällt. Sie wurden dazu gebracht durch den Befehl, die Kameradschaft, die in Mikes Ton lag. Mike nimmt ihren Widerwillen wahr und fährt hoch: "Was?!" Die Körpersprache ist schnell und unbewusst; dies sind Jungen im Krieg. Mike schreitet vor und die Dotcoms ziehen sich aus Selbstschutz schnell zurück. Dies sind keine Jungen, die Straßen-Herausforderungen gewohnt sind. Aber dann sind sie sichere zwei Körperlängen entfernt, drehen uns mit hitzigen Gesichtsausdrücken ihre Rücken halb zu. Ein Zug um ihre im Gefecht verlorene Männlichkeit zurück zu gewinnen. Aber Mike hat sich schon von ihnen abgewendet und raucht gierig ihre Zigarette auf mit Feuer, das ihm Speedie gab. Kopfschüttelnd sagt er mir: "Ich geb immer jedem eine Zigarette." Es ist eine ungeschriebene Regel, eine seltene Freundlichkeit auf der Straße, und sie zu brechen ist unentschuldbar. Die Verstörtheit Mikes darüber ist indikativ dafür, wie sehr die Straße noch in ihm steckt.
Der Parkservice bringt uns unser Auto und wir steigen ein. Hinten wendet Mike sich mir zu und lässt, wie wenn sich eine Schlange übergibt, die Beule aus seinem Ärmel heraus gleiten. "Hier, das ist für dich.", mir die entwendete Kerze anbietend. Zum ersten Mal bemerkt er die Zigarettenverbrennungen an meinen Händen und Armgelenken. "Ich hab die auch." Er lächelt und legt seine Hände in meinen Schoß und schaut mich an, und etwas passiert zwischen uns – Ich habe auch Narben.
Tage später, nachdem er nach L.A. zurückgekehrt war ans Set eines neuen Sandra Bullock Films, den er macht, und ich denke, dass ich längst vergessen bin, ruft er mich an, um mir aus seinem Notizbuch vorzulesen. Er hatte über mich geschrieben: "Blaue Haare und harte Augen und warme Beine in grauen Cordhosen, geschmiegt an meine auf dem Rücksitz dieses Autos."
"Ich mag deine Narben, Mike.", sage ich ihm.
Text Copyright by Three-headed Donkey
!!! Nicht ohne Erlaubnis nehmen !!!Text translated by Inga
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